Hamburg-China Connection

Categories: Portrait | Freelance work

Portraits and quotes of Chinese people that found a new home in Hamburg, 2013. Part of it was published in DIE ZEIT. Here you can read the story: www.zeit.de.

Wolfgang Wen, 40 Jahre, Geschäftsführer der Firma Go-Bamboo, seit 2000 in Deutschland.

„Viele Deutsche haben mich gefragt, warum kommst Du nach Deutschland? Solche Fragen finde ich ein wenig unangenehm. In China würde man nicht fragen, warum kommst Du hierher? Man würde fragen, woher kommst Du?“, berichtet Herr Wen auf die Frage, ob es für Ihn auch negative Erlebnisse in Deutschland gegeben hat. Aber auch das Leben der Menschen miteinander ist für ihn in Deutschland grundlegend anders als in China. Dort lädt man sich schneller nach Hause ein, trifft sich spontaner, während man hier immer einen Termin brauche. Er meint auch, dass in China Neuankömmlinge offener empfangen werden. „Hier ist es so, wenn du z.B. neu in einem Sportverein bist, musst Du dich erst einmal auf die Bank setzten. In China, wenn Du neu bist, kommen sie gleich an und fragen „Ah, Du bist neu? Ja, komm her!“ Das zweite Mal überlegt man sich dann, ob man noch mal hingeht und das dritte Mal bleibt man gleich zu Hause. Oder du bleibst immer allein wie im Fitness Center!“

Prof. Dr. Jianwei Zhang, 49 Jahre, Seit 1989 in Deutschland, lehrt am Informatikum Hamburg.

„Konfuzius sagt, dass ein Zusammenhalt der Familie sehr wichtig ist.“ Diese Tugend, von der Jianwei Zhang spricht, führt dazu, dass in China der Zusammenhalt der Familie sehr ausgeprägt ist. Die jüngeren Leute kümmern sich intensiv um die älteren Leute, so dass diese sich integriert, wertgeschätzt und respektiert fühlen. Oft wohnen unterschiedliche Generationen auch lange zusammen unter einem Dach. So absurd wie es heute noch erscheint: Er forscht daran, dass diese Aufgabe zukünftig auch Roboter übernehmen können. Am Informatikum der Uni Hamburg arbeitet er im Bereich intelligente Robotik – die Betonung liegt dabei auf intelligent. In einer immer älter werdenden Gesellschaft, sowohl in China als auch in Europa, wäre ein Roboter interessant, der ältere Menschen unterstützt, indem er beispielsweise Gehirnjogging mit pyhsikalischen Bewegungen verbindet und emotional nicht blechern ist, sondern für Rücksichtnahme, Fürsorge und Wärme sorgt. Ein Roboter der kein Automat ist, sondern eine menschenähnliches Wesen. „Ich denke es wäre durchaus möglich, dass solche Roboter in den nächsten 20 Jahren zum Einsatz kommen.“

Tianmin Wen, 40 Jahre, Rechtsanwältin, Inhaberin der Rechtsanwaltskanzlei Wen & Schomerus, seit 1992 in Deutschland.

„Da ich gebürtige Chinesin bin, wollte ich meine Sprachkenntnisse und Kenntnisse hinsichtlich der chinesischen Kultur und Mentalität in meinen Beruf mit einbringen“, so Tianmin Wen, Rechtsanwältin für Wirtschafts- und Unternehmensrecht. 2003 kam sie nach Hamburg. Sie hatte zuvor sowohl in China als auch während des Studiums für mehrere Jahre in Deutschland gelebt. Als eine der ersten Chinesinnen mit einer deutschen Anwaltszulassung in der Stadt war sie mit diesem Hintergrund sehr gefragt. Zunächst arbeitete sie als Angestellte, dann machte sie sich in einer eigenen Kanzlei zusammen mit ihrem Ehemann selbstständig. „Für Chinesen ist es erstrebenswerter, als selbstständiger Unternehmer für sich selber zu arbeiten, als irgendwo angestellt zu sein“, erzählt sie. Sie ist nun überwiegend für chinesische Unternehmen beratend tätig, die in Deutschland rechtliche Probleme haben. „Die chinesische und die Deutsche Gesellschaft sind sehr unterschiedlich“, erklärt sie. „Wenn jemand die Deutsche Kultur nicht so gut kennt und noch sehr chinesisch denkt, gibt es bei einigen Fällen Klärungsbedarf, wie das in Deutschland abläuft.“

Cheung-Hing Fung, 59 Jahre, Gastronom und Koch, seit 1973 in Hamburg.

„Als ich aus Hong-Kong hierher kam, dachte ich erst, ich bleibe drei Jahre und kehre dann zurück. Aber schließlich blieb ich. Der größte Teil der Chinesen, die zu der Zeit damals kamen, blieben“, sagt Cheung-Hing Fung. Dies erklärt er sich damit, dass mit den Jahren die Bindungen zur Heimat immer schwächer werden. Mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche erhielt er damals eine Arbeitserlaubnis und konnte als Koch bei einem Hamburger China-Restaurant anfangen. „Damals war die wirtschaftliche Situation in Asien noch nicht so gut wie jetzt, die hat sich erst in den 90er Jahren verfestigt. Es ging dann ja überall rasant nach oben, so dass die Leute heute gar nicht mehr unbedingt ins Ausland wollen.“ Trotz seiner mittlerweile 40 Jahre, die er hier schon lebt, spricht er gebrochenes Deutsch, teilweise übersetzt seine Frau: „Ich hatte nur einen halben Monat mal eine Sprachschule besucht. Da hab ich aber zu früh aufstehen müssen. Wenn man abends als Koch arbeitet, hat man dazu keine Lust mehr.“ Gelernt hat er die Sprache dann vor allem dadurch, dass er auch immer wieder Kunden bedienen musste. Dennoch fühlt er sich trotz seiner sprachlichen und arbeitszeitbedingten Einschränkungen gut integriert und heimisch: „Es ist nicht so, dass da kein Interesse ist, aber es ist einfach bequemer, chinesisch zu sprechen und in der Gastronomie sind die Arbeitszeiten ja so, dass wir Geld verdienen, wenn alle anderen frei haben.“

Lilian Zhang, 32 Jahre, arbeitet für die Robert-Bosch-Stiftung, seit 2001in Deutschland.

„Die Deutschen sind sehr genau, man muss immer genau die Tatsachen darlegen und auch so handeln. Die Chinesen bleiben eher beim Ungefähren und sind pragmatisch: Wenn eine Sache am Ende gut läuft, achtet man nicht mehr so sehr auf den Prozess, wie man das hinbekommen hat“, fällt Lilian Zhang zu der Frage ein, welche Unterschiede es zwischen den beiden Ländern gäbe. Während in China, Gruppen und die Familie eine große Rolle spielen, spielt für sie in Deutschland eher das Individuum eine wichtigere Rolle. „Ich bin hier sehr viel selbstständiger geworden, da man hier beruflich aber auch privat allein kämpfen muss. In China da kennt die Familie noch den und den und da ist die Beziehung noch sehr viel wichtiger.“ Auch fällt ihr auf, dass man in Deutschland zwischen Privatem und Beruflichem stark unterscheidet, während sich dies in China eher mischt. Dies kann ihrer Meinung nach Vor- und Nachteile haben: „Man ist nicht unbedingt mit Arbeitskollegen befreundet, man hat auch ein Privatleben, das man für sich selbst behält.“

Dr. Yu-Chien Kuan, 82 Jahre, Sinologe, Journalist und Autor, seit 1969 in Deutschland.

Yu-Chien Kuan verließ China während der Kulturrevolution, gelangte nach Afrika und von dort mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes nach Deutschland. Nach langen Jahren der Dozententätigkeit an der Universität Hamburg wirkt er heute als Journalist und Autor vermittelnd zwischen der chinesischen und der europäischen, deutschen Kultur: „Es gibt nicht viele Menschen in der chinesischen Welt, die authentisch über Europa schreiben können, weil sie oft wenig Möglichkeiten haben, sich mit hiesigen Verhältnissen intensiv auseinander zu setzen.“ An den deutschen Medien kritisiert er eine häufig zu einseitige und negative China-Berichterstattung. Deshalb ist es ihm wichtig, seine Ansichten und Erfahrungen in Wort und Schrift zu veröffentlichen. Viele westliche Journalisten wüssten wenig über die 5000 Jahre lange Geschichte Chinas und die chinesische Mentalität. Immer von „den Chinesen” zu sprechen, sei zu einfach. „Auch ich habe manches an China zu kritisieren, aber ich bemühe mich immer um Objektivität. Man darf niemals vergessen, dass sich allein schon aufgrund der geographischen Ausmaße und der riesigen Bevölkerung die vielfältigsten Probleme ergeben. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Land in atemberaubender Weise verändert. Nun gilt es, demokratische Strukturen zu schaffen. Diese werden jedoch infolge der kulturellen Prägung und des historischen Erbes anders aussehen als die mancher westlichen Nationen. China braucht Zeit und Geduld.”

Shan Fan, 54 Jahre, Künstler und Präsident der Design Factory Hamburg, seit 1984 in Deutschland.

„Eine Design Schule zu gründen, war mein Kindheitstraum“, so Shan Fan. Den hat er verwirklicht. Nachdem er Anfang der 90er Jahre seinen Durchbruch als internationaler Künstler hatte, investierte er in Bildung, kaufte sich in die Design Factory ein und ist mittlerweile Hauptanteilseigner, Geschäftsführer und Schulleiter. Er konnte schon so einige Träume in seinem Leben verwirklichen. So auch, dass er hier lebt: „Der Westen, sprich das alte Europa, war auch einer meiner Kindheitsträume. Für Chinesen ist Alt Europa das Far West, sehr geheimnisvoll und sehnsüchtig.“ Die Bekanntschaft und Brieffreundschaft mit einem Deutschen Geschäftsmann führte schließlich dazu, dass dieser ihm ein Studium an der Kunsthochschule Lerchenfeld finanzierte: „Ich habe das gar nicht geglaubt. Er hat für mich das Geld fürs vierjährige Studium und eine Zulassung für die Hamburger Universität besorgt plus dem Ticket. Ich habe ihm das Geld später zurückgezahlt. Für mich war das der Beginn von Vertrauen mit Menschen in Deutschland.“

Martin Chen, Schiffsingenieur, 65 Jahre, Inhaber des Reisebüros Reisedienst Chen GmbH und der Firma Globe Ship Agency GmbH und Leiter des chinesischen Seemannsheims Hamburg e.V., seit 1962 in Deutschland.

„Meine Familie kam durch die Schifffahrt nach Hamburg. Vor dem ersten Weltkrieg waren Seeleute knapp, deshalb haben die Großreedereien, die nach China fuhren, chinesische Seeleute rekrutiert. Darunter auch meinen Großvater“, sagt Martin Chen in fast akzentfreiem Deutsch. Er selbst kam als vierzehnjähriger mit einem Schiff in die Hansestadt – als Überarbeiter, das heißt ohne Bezahlung, half er auf dem Deck aus. „Bei der dreimonatigen Überfahrt war ich dann so fasziniert von der Technik, dass der Wunsch entstand, später Ingenieur zu werden.“ Für einige Jahre arbeitete er als einer der ersten Ausländer als leitender Ingenieur bei der Hapag und übernahm dann die Betreuung des chinesischen Seemannsheims in Hamburg. „Das ist der eigentliche Ursprung von meinem Vater und Großvater, die haben Jahrzehntelang chinesische Seeleute von Deutschen Schiffen betreut.“ 1929 von seiner Familie mitbegründet gibt es den Verein nun mittlerweile 83 Jahre.

Mang Chen, 52 Jahre, Unternehmer, Vorstandsvorsitzender der CAISSA Touristic (Group) AG, seit 1988 in Deutschland.

„Hamburg war und ist immer noch Außenhandelszentrum für China in Europa. Als ich damals nach Deutschland kam, gab es hier schon über 300 chinesische Firmen. Deshalb habe ich hier meine Kunden gesehen“, so Mang Chen Vorstandsvorsitzender von CAISSA Touristic. Seit 1988 lebt er in Hamburg und gründete ein Reiseunternehmen, das mittlerweile weltweit über 3000 Mitarbeiter zählt. Sein Unternehmen hat sich auf den Incoming-Tourismus spezialisiert, das heißt, es werden vor allem Chinesen bedient, die nach Europa reisen möchten. Bei der finanziell immer besser gestellten chinesischen Mittel- und Oberschicht eine geschickte Strategie, da der Reisemarkt in Deutschland als gesättigt gilt: „Wenn man die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft sieht, dann weiß man, wenn man sich darauf konzentriert, kann man gar nicht falsch liegen“, so sein Fazit.

Zhou Kaifen, 58 Jahre, seit 1989 in Deutschland, Schulleiterin der Hanhua Chinesisch-Schule e.V., Unternehmerin und Autorin.

„Alle sagen, die Schule ist wie mein drittes Kind. Ohne die wär ich auch wieder nach China zurückgekehrt“, sagt Zhou Kaifen. Aus Gründen der Familienzusammenführung durfte sie damals mit Ihrer Tochter ihrem Mann nach Hamburg folgen, der an der dortigen Universität Theologie studierte. Zunächst unterrichtete sie nur ihre Tochter, später kamen die Kinder von Freunden hinzu und schon bald war der Grundstein gelegt für die Hanhua Schule in Hamburg: Jeden Sonntag wird dort Kindern Chinesisch beigebracht. Als ihr Mann dann sein Studium abgeschlossen hatte, drohte ihr Visum abzulaufen, eine schnelle Lösung musste her, auch, um unabhängig von ihrem Mann zu sein: Sie gründete mit ihren Ersparnissen eine Import-Export Firma, wie so viele Ihrer Landsleute. „In dieser Zeit gab es zwei Messen aus China in Hamburg. Damals bin ich jeden Tag dort hingegangen“ – um zu lernen, wie überhaupt der Handel funktioniert und um Kontakte zu knüpfen. Sie handelte schließlich vor allem mit Spielwaren für Kinder. Heutzutage widmet sie sich hautsächlich der Arbeit an der chinesischen Schule: „Die chinesischen Kinder lernen hier chinesisch auf sehr hohem Niveau. Aber zwei bis drei Jahre vor dem Abi hören sie meist auf, um sich auf das Abi zu konzentrieren.“ Deshalb setzt sie sich jetzt bei der Schulbehörde dafür ein, dass der Unterricht anerkannt wird und auch ein paar Punkte im Abitur bringt.

Agoes Bötjer, 64 Jahre alt, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, seit 1972 in Deutschland.

Aus pragmatischen Gründen nahm Caicoen Ciang damals bei seiner Einbürgerung den Deutschen Namen Agoes Bötjer an: „Ich wählte meinen Namen, um solche Aussagen wie „gehen Sie zurück nach China“ zu vermeiden.“ Aussagen, mit denen sich Agoes damals bei Gesprächen immer mal wieder konfrontiert sah. Doch er gibt dabei nicht nur den Menschen, die so etwas sagen, die Schuld: „Man spürte schon, die Regierung von damals wollte Ausländer noch nicht so richtig integrieren, sie wurden wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt. Deutschland war damals nicht bekannt als ein Einwanderungsland. So stand es auch in den Zeitungen.“ Er muss es wissen. Mit dem Studium fertig, fand er trotz zahlreicher Bewerbungen keine Anstellung an einem deutschen Krankenhaus und ging zunächst nach England, um dort an einem Krankenhaus zu arbeiten. „Da merkte ich den Unterschied zwischen England und Deutschland. Die sind viel freier, viel liberaler, da sie schon seit Jahrhunderten mit verschiedenen Nationalitäten gelebt haben.“ Wegen seiner bereits bestehenden Kontakte in Deutschland, entschied er sich zurück zu kehren und eröffnete in Hamburg eine eigene Arztpraxis.

  • Wolfgang Wen, 40 Jahre, Geschäftsführer der Firma Go-Bamboo, seit 2000 in Deutschland.

    „Viele Deutsche haben mich gefragt, warum kommst Du nach Deutschland? Solche Fragen finde ich ein wenig unangenehm. In China würde man nicht fragen, warum kommst Du hierher? Man würde fragen, woher kommst Du?“, berichtet Herr Wen auf die Frage, ob es für Ihn auch negative Erlebnisse in Deutschland gegeben hat. Aber auch das Leben der Menschen miteinander ist für ihn in Deutschland grundlegend anders als in China. Dort lädt man sich schneller nach Hause ein, trifft sich spontaner, während man hier immer einen Termin brauche. Er meint auch, dass in China Neuankömmlinge offener empfangen werden. „Hier ist es so, wenn du z.B. neu in einem Sportverein bist, musst Du dich erst einmal auf die Bank setzten. In China, wenn Du neu bist, kommen sie gleich an und fragen „Ah, Du bist neu? Ja, komm her!“ Das zweite Mal überlegt man sich dann, ob man noch mal hingeht und das dritte Mal bleibt man gleich zu Hause. Oder du bleibst immer allein wie im Fitness Center!“

  • Prof. Dr. Jianwei Zhang, 49 Jahre, Seit 1989 in Deutschland, lehrt am Informatikum Hamburg.

    „Konfuzius sagt, dass ein Zusammenhalt der Familie sehr wichtig ist.“ Diese Tugend, von der Jianwei Zhang spricht, führt dazu, dass in China der Zusammenhalt der Familie sehr ausgeprägt ist. Die jüngeren Leute kümmern sich intensiv um die älteren Leute, so dass diese sich integriert, wertgeschätzt und respektiert fühlen. Oft wohnen unterschiedliche Generationen auch lange zusammen unter einem Dach. So absurd wie es heute noch erscheint: Er forscht daran, dass diese Aufgabe zukünftig auch Roboter übernehmen können. Am Informatikum der Uni Hamburg arbeitet er im Bereich intelligente Robotik – die Betonung liegt dabei auf intelligent. In einer immer älter werdenden Gesellschaft, sowohl in China als auch in Europa, wäre ein Roboter interessant, der ältere Menschen unterstützt, indem er beispielsweise Gehirnjogging mit pyhsikalischen Bewegungen verbindet und emotional nicht blechern ist, sondern für Rücksichtnahme, Fürsorge und Wärme sorgt. Ein Roboter der kein Automat ist, sondern eine menschenähnliches Wesen. „Ich denke es wäre durchaus möglich, dass solche Roboter in den nächsten 20 Jahren zum Einsatz kommen.“

  • Tianmin Wen, 40 Jahre, Rechtsanwältin, Inhaberin der Rechtsanwaltskanzlei Wen & Schomerus, seit 1992 in Deutschland.

    „Da ich gebürtige Chinesin bin, wollte ich meine Sprachkenntnisse und Kenntnisse hinsichtlich der chinesischen Kultur und Mentalität in meinen Beruf mit einbringen“, so Tianmin Wen, Rechtsanwältin für Wirtschafts- und Unternehmensrecht. 2003 kam sie nach Hamburg. Sie hatte zuvor sowohl in China als auch während des Studiums für mehrere Jahre in Deutschland gelebt. Als eine der ersten Chinesinnen mit einer deutschen Anwaltszulassung in der Stadt war sie mit diesem Hintergrund sehr gefragt. Zunächst arbeitete sie als Angestellte, dann machte sie sich in einer eigenen Kanzlei zusammen mit ihrem Ehemann selbstständig. „Für Chinesen ist es erstrebenswerter, als selbstständiger Unternehmer für sich selber zu arbeiten, als irgendwo angestellt zu sein“, erzählt sie. Sie ist nun überwiegend für chinesische Unternehmen beratend tätig, die in Deutschland rechtliche Probleme haben. „Die chinesische und die Deutsche Gesellschaft sind sehr unterschiedlich“, erklärt sie. „Wenn jemand die Deutsche Kultur nicht so gut kennt und noch sehr chinesisch denkt, gibt es bei einigen Fällen Klärungsbedarf, wie das in Deutschland abläuft.“

  • Cheung-Hing Fung, 59 Jahre, Gastronom und Koch, seit 1973 in Hamburg.

    „Als ich aus Hong-Kong hierher kam, dachte ich erst, ich bleibe drei Jahre und kehre dann zurück. Aber schließlich blieb ich. Der größte Teil der Chinesen, die zu der Zeit damals kamen, blieben“, sagt Cheung-Hing Fung. Dies erklärt er sich damit, dass mit den Jahren die Bindungen zur Heimat immer schwächer werden. Mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche erhielt er damals eine Arbeitserlaubnis und konnte als Koch bei einem Hamburger China-Restaurant anfangen. „Damals war die wirtschaftliche Situation in Asien noch nicht so gut wie jetzt, die hat sich erst in den 90er Jahren verfestigt. Es ging dann ja überall rasant nach oben, so dass die Leute heute gar nicht mehr unbedingt ins Ausland wollen.“ Trotz seiner mittlerweile 40 Jahre, die er hier schon lebt, spricht er gebrochenes Deutsch, teilweise übersetzt seine Frau: „Ich hatte nur einen halben Monat mal eine Sprachschule besucht. Da hab ich aber zu früh aufstehen müssen. Wenn man abends als Koch arbeitet, hat man dazu keine Lust mehr.“ Gelernt hat er die Sprache dann vor allem dadurch, dass er auch immer wieder Kunden bedienen musste. Dennoch fühlt er sich trotz seiner sprachlichen und arbeitszeitbedingten Einschränkungen gut integriert und heimisch: „Es ist nicht so, dass da kein Interesse ist, aber es ist einfach bequemer, chinesisch zu sprechen und in der Gastronomie sind die Arbeitszeiten ja so, dass wir Geld verdienen, wenn alle anderen frei haben.“

  • Lilian Zhang, 32 Jahre, arbeitet für die Robert-Bosch-Stiftung, seit 2001in Deutschland.

    „Die Deutschen sind sehr genau, man muss immer genau die Tatsachen darlegen und auch so handeln. Die Chinesen bleiben eher beim Ungefähren und sind pragmatisch: Wenn eine Sache am Ende gut läuft, achtet man nicht mehr so sehr auf den Prozess, wie man das hinbekommen hat“, fällt Lilian Zhang zu der Frage ein, welche Unterschiede es zwischen den beiden Ländern gäbe. Während in China, Gruppen und die Familie eine große Rolle spielen, spielt für sie in Deutschland eher das Individuum eine wichtigere Rolle. „Ich bin hier sehr viel selbstständiger geworden, da man hier beruflich aber auch privat allein kämpfen muss. In China da kennt die Familie noch den und den und da ist die Beziehung noch sehr viel wichtiger.“ Auch fällt ihr auf, dass man in Deutschland zwischen Privatem und Beruflichem stark unterscheidet, während sich dies in China eher mischt. Dies kann ihrer Meinung nach Vor- und Nachteile haben: „Man ist nicht unbedingt mit Arbeitskollegen befreundet, man hat auch ein Privatleben, das man für sich selbst behält.“

  • Dr. Yu-Chien Kuan, 82 Jahre, Sinologe, Journalist und Autor, seit 1969 in Deutschland.

    Yu-Chien Kuan verließ China während der Kulturrevolution, gelangte nach Afrika und von dort mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes nach Deutschland. Nach langen Jahren der Dozententätigkeit an der Universität Hamburg wirkt er heute als Journalist und Autor vermittelnd zwischen der chinesischen und der europäischen, deutschen Kultur: „Es gibt nicht viele Menschen in der chinesischen Welt, die authentisch über Europa schreiben können, weil sie oft wenig Möglichkeiten haben, sich mit hiesigen Verhältnissen intensiv auseinander zu setzen.“ An den deutschen Medien kritisiert er eine häufig zu einseitige und negative China-Berichterstattung. Deshalb ist es ihm wichtig, seine Ansichten und Erfahrungen in Wort und Schrift zu veröffentlichen. Viele westliche Journalisten wüssten wenig über die 5000 Jahre lange Geschichte Chinas und die chinesische Mentalität. Immer von „den Chinesen” zu sprechen, sei zu einfach. „Auch ich habe manches an China zu kritisieren, aber ich bemühe mich immer um Objektivität. Man darf niemals vergessen, dass sich allein schon aufgrund der geographischen Ausmaße und der riesigen Bevölkerung die vielfältigsten Probleme ergeben. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Land in atemberaubender Weise verändert. Nun gilt es, demokratische Strukturen zu schaffen. Diese werden jedoch infolge der kulturellen Prägung und des historischen Erbes anders aussehen als die mancher westlichen Nationen. China braucht Zeit und Geduld.”

  • Shan Fan, 54 Jahre, Künstler und Präsident der Design Factory Hamburg, seit 1984 in Deutschland.

    „Eine Design Schule zu gründen, war mein Kindheitstraum“, so Shan Fan. Den hat er verwirklicht. Nachdem er Anfang der 90er Jahre seinen Durchbruch als internationaler Künstler hatte, investierte er in Bildung, kaufte sich in die Design Factory ein und ist mittlerweile Hauptanteilseigner, Geschäftsführer und Schulleiter. Er konnte schon so einige Träume in seinem Leben verwirklichen. So auch, dass er hier lebt: „Der Westen, sprich das alte Europa, war auch einer meiner Kindheitsträume. Für Chinesen ist Alt Europa das Far West, sehr geheimnisvoll und sehnsüchtig.“ Die Bekanntschaft und Brieffreundschaft mit einem Deutschen Geschäftsmann führte schließlich dazu, dass dieser ihm ein Studium an der Kunsthochschule Lerchenfeld finanzierte: „Ich habe das gar nicht geglaubt. Er hat für mich das Geld fürs vierjährige Studium und eine Zulassung für die Hamburger Universität besorgt plus dem Ticket. Ich habe ihm das Geld später zurückgezahlt. Für mich war das der Beginn von Vertrauen mit Menschen in Deutschland.“

  • Martin Chen, Schiffsingenieur, 65 Jahre, Inhaber des Reisebüros Reisedienst Chen GmbH und der Firma Globe Ship Agency GmbH und Leiter des chinesischen Seemannsheims Hamburg e.V., seit 1962 in Deutschland.

    „Meine Familie kam durch die Schifffahrt nach Hamburg. Vor dem ersten Weltkrieg waren Seeleute knapp, deshalb haben die Großreedereien, die nach China fuhren, chinesische Seeleute rekrutiert. Darunter auch meinen Großvater“, sagt Martin Chen in fast akzentfreiem Deutsch. Er selbst kam als vierzehnjähriger mit einem Schiff in die Hansestadt – als Überarbeiter, das heißt ohne Bezahlung, half er auf dem Deck aus. „Bei der dreimonatigen Überfahrt war ich dann so fasziniert von der Technik, dass der Wunsch entstand, später Ingenieur zu werden.“ Für einige Jahre arbeitete er als einer der ersten Ausländer als leitender Ingenieur bei der Hapag und übernahm dann die Betreuung des chinesischen Seemannsheims in Hamburg. „Das ist der eigentliche Ursprung von meinem Vater und Großvater, die haben Jahrzehntelang chinesische Seeleute von Deutschen Schiffen betreut.“ 1929 von seiner Familie mitbegründet gibt es den Verein nun mittlerweile 83 Jahre.

  • Mang Chen, 52 Jahre, Unternehmer, Vorstandsvorsitzender der CAISSA Touristic (Group) AG, seit 1988 in Deutschland.

    „Hamburg war und ist immer noch Außenhandelszentrum für China in Europa. Als ich damals nach Deutschland kam, gab es hier schon über 300 chinesische Firmen. Deshalb habe ich hier meine Kunden gesehen“, so Mang Chen Vorstandsvorsitzender von CAISSA Touristic. Seit 1988 lebt er in Hamburg und gründete ein Reiseunternehmen, das mittlerweile weltweit über 3000 Mitarbeiter zählt. Sein Unternehmen hat sich auf den Incoming-Tourismus spezialisiert, das heißt, es werden vor allem Chinesen bedient, die nach Europa reisen möchten. Bei der finanziell immer besser gestellten chinesischen Mittel- und Oberschicht eine geschickte Strategie, da der Reisemarkt in Deutschland als gesättigt gilt: „Wenn man die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft sieht, dann weiß man, wenn man sich darauf konzentriert, kann man gar nicht falsch liegen“, so sein Fazit.

  • Zhou Kaifen, 58 Jahre, seit 1989 in Deutschland, Schulleiterin der Hanhua Chinesisch-Schule e.V., Unternehmerin und Autorin.

    „Alle sagen, die Schule ist wie mein drittes Kind. Ohne die wär ich auch wieder nach China zurückgekehrt“, sagt Zhou Kaifen. Aus Gründen der Familienzusammenführung durfte sie damals mit Ihrer Tochter ihrem Mann nach Hamburg folgen, der an der dortigen Universität Theologie studierte. Zunächst unterrichtete sie nur ihre Tochter, später kamen die Kinder von Freunden hinzu und schon bald war der Grundstein gelegt für die Hanhua Schule in Hamburg: Jeden Sonntag wird dort Kindern Chinesisch beigebracht. Als ihr Mann dann sein Studium abgeschlossen hatte, drohte ihr Visum abzulaufen, eine schnelle Lösung musste her, auch, um unabhängig von ihrem Mann zu sein: Sie gründete mit ihren Ersparnissen eine Import-Export Firma, wie so viele Ihrer Landsleute. „In dieser Zeit gab es zwei Messen aus China in Hamburg. Damals bin ich jeden Tag dort hingegangen“ – um zu lernen, wie überhaupt der Handel funktioniert und um Kontakte zu knüpfen. Sie handelte schließlich vor allem mit Spielwaren für Kinder. Heutzutage widmet sie sich hautsächlich der Arbeit an der chinesischen Schule: „Die chinesischen Kinder lernen hier chinesisch auf sehr hohem Niveau. Aber zwei bis drei Jahre vor dem Abi hören sie meist auf, um sich auf das Abi zu konzentrieren.“ Deshalb setzt sie sich jetzt bei der Schulbehörde dafür ein, dass der Unterricht anerkannt wird und auch ein paar Punkte im Abitur bringt.

  • Agoes Bötjer, 64 Jahre alt, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, seit 1972 in Deutschland.

    Aus pragmatischen Gründen nahm Caicoen Ciang damals bei seiner Einbürgerung den Deutschen Namen Agoes Bötjer an: „Ich wählte meinen Namen, um solche Aussagen wie „gehen Sie zurück nach China“ zu vermeiden.“ Aussagen, mit denen sich Agoes damals bei Gesprächen immer mal wieder konfrontiert sah. Doch er gibt dabei nicht nur den Menschen, die so etwas sagen, die Schuld: „Man spürte schon, die Regierung von damals wollte Ausländer noch nicht so richtig integrieren, sie wurden wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt. Deutschland war damals nicht bekannt als ein Einwanderungsland. So stand es auch in den Zeitungen.“ Er muss es wissen. Mit dem Studium fertig, fand er trotz zahlreicher Bewerbungen keine Anstellung an einem deutschen Krankenhaus und ging zunächst nach England, um dort an einem Krankenhaus zu arbeiten. „Da merkte ich den Unterschied zwischen England und Deutschland. Die sind viel freier, viel liberaler, da sie schon seit Jahrhunderten mit verschiedenen Nationalitäten gelebt haben.“ Wegen seiner bereits bestehenden Kontakte in Deutschland, entschied er sich zurück zu kehren und eröffnete in Hamburg eine eigene Arztpraxis.

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